Luxus-Probleme

Phil
19. September 2026

Wie wir es schaffen können, angemessen über Stärken, Gaben und Schönes zu sprechen

Immer wieder stoße ich auf ein- und dieselbe Situation: Leute treffen mich und fragen mich, wie es uns mit unserem Kind geht und dann antworte ich viel zu schnell mit den Dingen, die in unserem Alltag schwer sind. Das geht dann ungefähr so: "Jaaa, an sich geht es uns gut, nur leider schläft unser Kleiner immer noch nicht so wirklich gut, und er ist auch anhänglich und er ist sehr fordernd, will immer viel, kann viel und macht deshalb viel -vor allem Faxen. Viele Konflikte ...." oder so ähnlich. Und irgendwie will ich nicht mehr so "negativ" über unser Kind sprechen, zumindest nicht als erstes. Doch, wieso ich das trotzdem immer wieder tue, hat zum einen damit zu tun, dass es für mich anstrengend ist, ihn den ganzen Tag zu betreuen, und ich das zum Ausdruck bringen will, es hat aber auch viel damit zu tun, dass ich mich meist nicht traue, über die positiven Seiten von ihm zu sprechen, nämlich davon, dass er ein ziemlich begabtes, sehr starkes und wunderbar entwickeltes Kind ist, das für sein Alter echt schon viel kann. Also fange ich lieber mit den Schattenseiten an, von ihm/uns zu berichten ... so, als ob ich mir damit erst einmal Bonuspunkte bei meinen Gesprächspartnern einholen wollte, weil ich ja auch kein immer nur einfaches Leben habe, so wie sie selbst und wie wir alle irgendwie, und leider bleibt es dann häufig auch dabei, nur über diese eine Seite zu sprechen. Und irgendwie finde ich das nicht so schön. Deshalb habe ich mich gefragt, warum es mir so schwer fällt, schamlos darüber zu reden, dass wir ein Kind haben, das sich völlig gut entwickelt und begabt zu sein scheint. Und ich habe entschieden, dass ich es üben will, anders über ihn zu sprechen. Wertschätzender. Und eben ehrlicher. Denn er ist ja kein Problemfall, im Gegenteil. Er ist einfach ein kleiner Junge, der sich toll entwickelt und der deshalb auch oft so anstrengend für uns als Eltern ist. Sein Verhalten ist eben besonders anstrengend, weil er oft zu den Extremen neigt.


Man muss also unterscheiden zwischen

1) Es fällt mir schwer, das Positive über seine Person und sein Verhalten zu erzählen, weil es für mich als Mutter anstrengende Wirkungen hat. Durch ihn erlebe ich möglicherweise mehr Anstrengung als Eltern, die ein anderes Kind haben, und ich klage darüber ....

2) Es fällt mir schwer, seine Stärken zu nennen - möglichst ohne sie gleich durch die Erwähnung von Schwächen "ausgleichen" zu wollen - weil ich mich dafür irgendwie schlecht fühle und meine, ich müsse mich/ihn dafür rechtfertigen, warum er so viel kann. Krass, oder?!


Nummer 1) finde ich kann man total gut nachvollziehen. Wir klagen als Menschen über das, was schwer für uns ist und uns anstrengt und das ist auch okay. Aber bei Nummer 2) frage ich mich schon, wieso das so ist? Denn es geht mir nicht nur in Bezug auf unser Kind so, sondern auch in Bezug auf mich selbst. Und ich glaube, wir alle sind ziemlich gut darin, uns selbst schnell unverhältnismäßig runterzuziehen, anstatt auch öfter zu den schönen und starken Seiten unserer Persönlichkeit zu stehen.


Es geht hier also grundsätzlich um die Frage, wie wir mit Begabung umgehen. Und damit mit allem, was uns schön, besonders toll, einzigartig, stark und schlau macht. Mir fällt es tendenziell schwer, das auszusprechen, was ich gut kann und dazu zu stehen. Und ich denke, vielen anderen geht es genauso - wenn auch nicht allen. Das ist ein Luxus-Problem, denn viel zu haben (z.B. Gaben, Wissen, tolle Entwicklung, Geld, was auch immer) und viel zu können, ist grundsätzlich kein Mangel, sondern ein Luxus. Ein Geschenk und ein Privileg. Aber Luxus-Probleme sind eben auch Probleme, so hat es eine gute Freundin von mir, die selbst Psychotherapeutin ist, mal gesagt. Und es stimmt. Um in meinem Beispiel mit unserem Kind zu bleiben: Ein sehr ausdrucksstarkes Kind zu haben, ist an sich super und eine tolle Eigenschaft. Nur ist es eben auch besonders herausfordernd, weil diese Eigenschaft sehr viele Diskussionen, Interessenskonflikte und entsprechend viele Tränen nach sich zieht.


Wie können wir es also schaffen, im richtigen Maß darüber zu sprechen, was gut läuft und was und schwer fällt? Ohne dabei zu über- oder zu untertreiben?

Ich beobachte das Phänomen seit Jahren, weil ich mir immer wieder die Frage stelle, was eigentlich mit den Begabten ist. Und will direkt eine Rechtfertigung dafür tippen, dass ich mich da nicht so krass dazu zähle und es eigentlich nicht um mich geht, und dass es natürlich viel schlauere Menschen als mich gibt, aber vielleicht lasse ich das einfach. Denn ich bin ja auch begabt, wie viele viele andere Menschen auch. Und man muss sich da gar nicht immer so aneinander messen und vergleichen. Es geht viel mehr grundsätzlich darum, wie wir mit dem umgehen, was wir gut machen und Gutes haben, unabhängig davon, wie hoch (gemessen) dieser Wert konkret wäre (zumal vieles davon ja gar nicht messbar ist). Denn oft haben wir einen Blick für das, was schwach ist. Und versuchen, zu helfen, damit alle irgendwo ihren Platz am Tisch bekommen und das ist ja auch total wichtig! Aber dabei übersehen wir glaube ich, dass es auch immer Menschen gibt, die überdurchschnittlich aufgestellt sind. Wie gehen wir mit denen um? Ich glaube leider oft so, dass sie sich nach unten hin anpassen sollen, sich drosseln sollen, um ... ja warum eigentlich? Um nicht so aufzufallen. Um nicht anderen ständig die Show zu stehlen. Um sozialfähig und nicht abgehoben zu wirken. Und vielleicht auch, um Charaktereigenschaften wie Bescheidenheit, Rücksichtnahme und Mäßigung statt Prahlerei und Arroganz zu schulen. Und das verstehe ich schon und finde letzteres auch gut so. Trotzdem muss es möglich sein, dass wir Gutes, Schönes und Starkes aussprechen und sogar bestärken dürfen, ohne uns dafür schlecht fühlen zu sollen. Warum sollten wir uns auch schlecht dafür fühlen? Ich denke, die Antwort ist: Damit andere nicht neidisch werden.


Ja, ich glaube, es geht hier viel um Neid. Unsere Befürchtung, die andere Partei könnte neidisch auf uns werden, ist also oft größer, als unser Vertrauen darauf, dass sich der andere ehrlich mit uns mitfreuen kann. Das ist zwar einerseits verständlich, denn die Angst vor dem Neid der anderen hat zum Teil vielleicht auch eine soziale Funktion: Wir wollen verhindern, dass sich Menschen von uns abwenden, weil wir im Sinne des Überlebensstrebens nicht ausgeschlossen werden wollen. Aber es ist trotzdem total schade! Wie viel schöner wäre es, wenn wir mutig genug wären, uns mit allem, was wir haben, anderen zuzumuten. Und wir es dann ihnen überlassen würden, was das mit ihnen macht.

Und es wäre sogar noch schöner, wenn wir es schaffen würden, dann sogar ehrlich über Neid zu sprechen. Denn eigentlich transportiert Neid ja auch nur Botschaften, so wie jedes andere Gefühl auch. Er will vielleicht sagen "Das ist das Leben, das ich mir für mich auch vorgestellt habe. Das sind die Beziehungen, wie ich sie gut finde und auch gerne hätte. Das sind Begabungen, die wirklich ein Geschenk sind, und mit denen man vieles bewirken kann. Das sind Umstände, die bei mir gerade zu kurz kommen." Indem wir ehrlich aussprechen würden, dass wir gerade neidisch werden und vielleicht sogar benennen können, warum genau, könnten wir ihm sogar noch ein Schnippchen schlagen - dem Neid: Weil wir uns miteinander auf einer zutiefst menschlichen Ebene verbinden würden, nämlich im Sehnen und Nachjagen nach dem, was gut ist, und im Bedauern darüber, was uns schmerzlich fehlt.


Unverhältnismäßig viel und wie selbstverständlich über die eigenen Schwächen und die Schwächen seiner Kinder zu sprechen, dabei aber sich schier nicht zu trauen, auch mal das auszusprechen, was richtig super läuft und toll ist - da sehe ich noch Luft nach oben. Stattdessen bin ich dafür, angemessen ehrlich zu reden, und zwar über die vielen Seiten unseres Lebens, über die Schattenseiten, klar, tun wir ja eh ;-) aber vor allem auch über die Sonnenseiten! Mit einer Haltung, die einerseits das Schwere nicht beschönigt oder ignoriert, die andererseits aber auch das Schöne nicht versteckt oder kleinredet.







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